Historie | Das kurkölnische Traditionskorps

Das kurkölnische Traditionskorps
Und was das mit Kurköln zu tun hat

Die Altstädter sind das (k)urkölnische Traditionskorps! Mit diesem Wortspiel weisen wir zum einen darauf hin, dass die Altstädter Köln 1922 eV eines der fünf Ur-Traditionskorps im Kölner Karneval sind, und zum anderen, dass wir in der Tradition Kurkölns stehen und daher die Farben grün und rot tragen.

Der Gründungsmythos besagt, dass man 1924 – zwei Jahre nach Gründung der Karnevalsgesellschaft “Fidelen Altstädter“ - den Beschluss fasste, ein Korps zu gründen. Das Kölner Stadtarchiv schlug damals die grün-roten Farben und Uniformen Kurkölns als im Karneval noch nicht vorhanden vor. Und so heißt es in einem “Korps-Verpflichtungsschein“ von 1938: „Die Uniform ist das getreue Abbild der Uniform der kurkölnischen Miliz aus dem Jahre 1790.“

Ur-Altstädter                                                                                                                                   Darstellung eines Kölner Grenadiers von der Land-Miliz<br />Weckmann aus der Becher Handschrift von 1757<br />Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia BibliothekUr-Altstädter
Darstellung eines Kölner Grenadiers von der Land-Miliz
Weckmann aus der Becher Handschrift von 1757
Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Was hat es mit Kurköln auf sich? Das Verhältnis zwischen Kurköln und der stolzen, wie freien Reichsstadt Köln war vielschichtig und komplex. Man stand sich auf dem Schlachtfeld in feindlichen Lagern gegenüber. Als Kurköln bezeichnet man das weltliche Herrschaftsgebiet der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln. Kurköln war eines von sieben Kurfürstentümer des Heiligen Römischen Reiches; die Kurfürsten wählten den Deutschen Kaiser.

Gleichfalls gehörten drei geistliche Fürstbischöfe zu diesem erlauchten Kreis:

Aufschlussreiches zu Kurköln lesen wir in einer kurzen Abhandlung zur Rheinischen Geschichte*:

Der rheinische Teil des kurkölnischen Territoriums erstreckte sich im Wesentlichen auf dem linken Rheinufer von Andernach im Süden bis in das Amt Rheinberg im Norden. Die Gebiete nördlich der Stadt Köln bezeichnete man als Niederstift, die südlichen als Oberstift. Letzteres griff weit in die Eifel und auch in den Westerwald aus, war jedoch ebenfalls auf den Rhein und insbesondere auf die Gegend um Bonn hin zentriert. In diesem Gebiet, wo sich die Erzbischöfe gegen Ende des Mittelalters vornehmlich aufhielten, nahmen zwei bevorzugte Residenzorte den Charakter von Hauptresidenzen an: zunächst Brühl, allerdings nur ansatzweise als zeitweiliger Sitz eines erzbischöflichen Ratskollegiums und der Kanzlei, dann vor allem Bonn, das 1597 vom damaligen Koadjutor und späteren Erzbischof Ferdinand von Bayern dauerhaft zur kurkölnischen Residenzstadt bestimmt wurde.

Die Reichsstadt Köln hatte sich schon vor dieser Zeit in einem Jahrhunderte langen Prozess aus der weltlichen Stadtherrschaft des Erzbischofs gelöst. Das markanteste Ereignis war hierbei die Schlacht bei Worringen 1288: Erzbischof Siegfried von Westerburg erlitt eine katastrophale Niederlage gegen die Stadt und ihre Verbündeten. Der Ausgang dieser Schlacht schuf jedoch keine völlig neue Lage, sondern befestigte eher die bestehenden Verhältnisse zwischen der zuvor schon weitgehend unabhängigen Stadt und ihrem geistlichen Landesherrn. Mehrere Nachfolger Siegfrieds scheiterten in den folgenden Jahrhunderten bei ihren Versuchen, etwas an diesem Zustand zu ändern.

Rechtsförmlich trat die Stadt Köln mit dem 1475 verliehenen Reichsstadtprivileg Kaiser Friedrichs III. (Regierungszeit 1440-1493) aus der weltlichen Herrschaft ihres Erzbischofs.

Auch nach 1475 bestanden jedoch zahlreiche Kontakte zwischen Stadt und Erzstift Köln, und dies nicht nur wegen verschiedener weltlicher Rechte, die den Erzbischöfen in der Stadt erhalten blieben: Die Stadt Köln überragte alle kurkölnischen Landstädte weit an Bedeutung, sowohl als kirchlicher Mittelpunkt des Erzbistums wie auch hinsichtlich ihres Bevölkerungsreichtums und ihrer wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Bedeutung.

Halten wir fest, der Erzbischof zu Köln und Kurfürst residierte vornehmlich in Bonn. Ein berühmter Kurfürst war Clemens August (1700–1761), der sich mit Schloss Augustusburg zu Brühl - ein Meisterwerk des prachtvollen Rokoko - ein Denkmal gesetzt hat. Im Jahr 2000 wurde der 300. Geburtstag von Clemens August mit einer Ausstellung “Der Riss im Himmel“, auf Schloss Augustusburg gewürdigt. Die Altstädter in kurkölnischer Uniform gaben dem Ereignis einen historischen Rahmen.

Als weltlicher Herrscher unterhielten die Kurfürsten militärische Truppen, einige trugen grün-rot. Zwei karnevalistische Korps stehen in kurfürstlicher beziehungsweise kurkölnischer Tradition: Die Bonner Stadtsoldaten und die Altstädter Köln. Das Bonner Stadtsoldaten Corps von 1872 trägt die historische Uniform des ehemaligen Bonner Kurfürstlichen-Leib-Infanterie-Bataillons.

Im Kölner Karneval können zwei Traditionskorps unmittelbar an Kölnische Geschichte und Identität anknüpfen: Die Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V. und die Altstädter Köln 1922 eV. Zu den Roten Funken und dem ersten Rosenmontagszug 1823 liest man auf einer beliebten Suchmaschine:

In Namen und Ausstattung knüpften sie an eine Truppe an, die bis knapp 30 Jahre zuvor in roten Uniformjacken und weißen Hosen in Köln als Stadtsoldaten dienten, bis sie von den, am 6. Oktober 1794 einmarschierenden Franzosen aufgelöst wurden oder besser beschrieben, sich verliefen.

Auf der offiziellen Webseite des Festkomitees Kölner Karneval lesen wir:

Rot, Weiß, Grün und Gelb sind die vier Karnevalsfarben, die seit 1823 festgelegt sind und sich auch im Logo des Festkomitees finden. Rot und Weiß stehen dabei für die Stadt Köln, Grün für das kurfürstliche Köln und Gelb für die Kirche und die enge Verknüpfung des Karnevals mit dem Kirchenzyklus.

Historisch ist der Anspruch der Altstädter – gegründet im Herzen der freien Reichsstadt Köln – auf Kurköln nicht haltbar: Altstadt und Kurköln stehen offenkundig im Widerspruch. Es wird so gewesen seien, dass die Gründungsväter unserer Gesellschaft froh waren, als das Kölner Stadtarchiv die Farben grün und rot “als im Karneval noch nicht vorhanden“ vorgeschlagen hat. Hauptsache die Altstädter hatten ihre Farben; das mit der kurkölnischen Tradition kam später.

Bleibt zum Schluss die karnevalistische Erkenntnis, dass es genau wegen dieses Widerspruchs typisch kölsch und jeck ist. Und eben drum tragen wir Altstädter mit Stolz die kurkölnischen Farben jrön un rut!

*http://www.rheinische-geschichte.lvr.de Kurfürstentum Köln (Kurköln)
Zur vertiefenden Lektüre: Hans-Michael Becker: Köln contra Köln. Von den wechselvollen Beziehungen der Stadt zu ihren Erzbischöfen und Kurfürsten. (JP Bachem Verlag)